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1991

Episode 04: Menu à la coopérative

Abendbrot für Dracula (mit Knoblauch, hihi) Foto: Th. Steinhoff, Odessa 2008

Längst sind in Odessa Cafés und Lokale aus dem Boden gesprossen, die Metropolen alle Ehre machten. Anno 1991 sah das noch bescheidener aus, aber nicht weniger gastfreundlich.

Frankreich und der russischsprachige Kulturraum haben viel gemeinsam. Das lernte ich bei allen Odessa-Besuchen. Die Premiere: Cuisine de la coopérative mille neuf-Cent quatre-vingt-onze.

Zugegeben, Französisch sprachen die netten Gastgeber nicht mit uns. Sie ließen Teller sprechen. Und Besteck natürlich.

Unsere Reisegruppe war im Ausländer-Wohnheim untergebracht, dem obschtschezjhítije nomer Voßem (Nummer 8). Das war eine erstklassige Adresse! Zwar sah es auf den ersten Blick für verwöhnte Westdeutschen-Augen nicht so aus. Aber die Erfahrenen unter uns bestätigten es. Knapp zwei Jahre später sollte ich zum ersten Mal ein normales Universitäts-Wohnheim von innen erleben und spätestens da wusste ich, welch einen unfassbaren Luxus wir 1991 genossen.

Zu diesem Luxus gehörte auch die Pförtnerin, die Dezhúrnaja. Wie es sich für eine sowjetisch geformte Diensthabende gehörte, zumal in einem Haus voller junger Leute, war sie bärbeißig und konnte schnell laut werden. Trotzdem hatte sie ein Herz für uns.

Was sie nicht für uns hatte: Etwas Essbares. Jedenfalls nicht für alle und nicht mittags.

Im Universitätsgebäude, wo wir in zwei Gruppen montags bis freitags mit Eigenarten der russischen Sprache und Mentalität vertraut gemachten wurden, wurde nichts Nahrhaftes angeboten. Und wir konnten schließlich nicht jeden Tag eine Exkursion mit Restaurant-Besuch machen.

Das war auch nicht nötig. Denn nahe bei unserem Wohnheim, in einem auf den allerersten Blick wenig schön wirkenden Plattenbau, hatte eine Kooperative ihre Herdplatten aufgestellt. Und Tische, an denen man uns verköstige. Abgesehen von den Exkursionstagen, die auf die Wochenenden fielen, jeden Mittag.

Beim ersten Besuch fiel mir sofort auf, dass das Besteck auf eine mindestens dreigängige Speisenfolge hindeutete. À la carte, das verstand sich von selbst, war nicht zu erwarten. Wir waren viel zu viele und die Küchen-Crew schien aus einer Handvoll Leute zu bestehen. Aber dann gleich drei Gänge – wollte man den Gästen aus dem Westen etwas Besonderes angedeihen lassen? Zwei Wochen nach dem Untergang der Sowjetunion?

Ich wusste damals noch überhaupt nichts von der sprichwörtlichen russischen respektive odessaischen Gastfreundschaft. Erst im Laufe der folgenden Jahre sollte ich die Grundregeln live in Aktion erleben und so lernen. Eine Grundregel: Unter drei Gängen geht überhaupt nichts. Bei privaten Einladungen ist fünf die Untergrenze. Und es treten weitere Regeln in Kraft, die dann aber die Gäste betreffen.

Privatgäste waren wir nicht für die Kooperative. Aber sehr liebenswert bediente man uns und wir bekamen manches Lächeln. In meinem Fall auch ein verständnisvolles, als ich den ersten Gang als Suppe bezeichnete. Potztausend, das ist jetzt kein O-Ton, das ist keine Suppe! Das ist Borschtsch. – Na, wer kennt den Unterschied? Gerne ab damit in die Kommentare auf Podcast.lautwert.de. Für richtige Antworten gibt es ein Odessaer Rezept. Berlin-Gäste respektive Residente laufen Gefahr, eingeladen zu werden. Wie gesagt: Fünf Gänge Minimum, da muss die Antwort schon richtig gut sein, wa?

Richtig gut aber von den Greenhorns unserer Abenteurer-Horde total verkannt war der Hauptgang, den die Kooperative jeden Tag für uns auf den Tisch zauberte. Ja, zugegeben, es war jeden Tag das Gleiche: Schnitzel mit Pommes. Mein Sauerländer Kleinstadtherz mit Metzgersippen-Hintergrund frohlockte. Aber nur beim ersten und vielleicht noch zweiten Mal. Dann fing ich innerlich an, den Meckervögeln Recht zu geben, die sich über die Eintönigkeit beklagten. Wie schwer Fleisch damals zu bekommen war, das erfuhr ich erst sehr viel später. Und schämte mich rückwirkend für meine Gedanken, die ich wenigstens nicht zum Ausdruck gebracht hatte. Uff, ein Fettnäpfchen vermieden.

Das Dessert wurde in einem kleinen Schälchen gereicht. Es auszulöffeln war nicht schwierig, weil sein Inhalt einfach gut war. So wie der Salat, der das Menu à la coopérative zum Viergänger machte. Jeden Tag. Dagegen mussten die Ausflugslokale zwischen Kyiv, Odessa und Jalta erstmal ankommen. Nicht alle schafften das. Kooperative, Vy byli lutsche. Molodtsy!

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