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1995

Episode 05: Das Gewand

Thomas Eisenmenger, Th. Steinhoff und Caritas Odessa-Leiter V. T. Ivanov 1995

Als mein Vater von mir noch nichts ahnte, weil Zwölfjährige eher selten an Nachwuchs denken, durfte er nur glaubensstärkende Kinofilme sehen. Mit Sandalen und Haudrauf-Geräten. Beides gab es anno 1995 in Odessa zwischen Hafen und katholischer Pfarrkirche nicht. Aber trotzdem filmreife Szenen.

In der zweiten Woche meines bisher längsten Aufenthalts am Schwarzen Meer wurde ich zum dobrovólec, zum Ehrenamtlichen der Caritas Odessa. Schuld war der damalige Pfarrer der Marien Entschlafen-Kirche. Ich suchte nach einem Anschlag, auf dem die Mess-Zeiten zu lesen standen. Ich fand sie nicht. Dafür fand mich Vater Ignacy SDB, mit bürgerlichem Namen Ignacy Ryndzionek. Wie so oft war er gerade im Messgewand unterwegs. Noch häufiger trug er übrigens Blaumann und demolierte Brille, aber das sollte ich erst später erfahren.

So sprach er mich an, auf Russisch natürlich, und fragte, woher ich komme. Aus Deutschland, antwortete ich und – prompt wechselte der polnische Ordensmann in meine Muttersprache.

Er fühlte sich darin nicht wirklich zu Hause und so wechselten wir bald ins Russische zurück. Aber meine erkennbare Mehrsprachigkeit neben meiner ebenso offensichtlichen kirchlichen Orientierung veranlasste Vater Ignacy, mich in den Keller einzuladen. Ja, die Kirche hatte einen Keller. Bestimmt war hier einmal eine Krypta gewesen. In den Jahren der Sowjetunion wurde das Gotteshaus aber zur Sporthalle und die mutmaßliche Krypta zum Toilettentrakt. Plus zwei Umkleideräume.

In einen davon brachte mich der Salesianer Don Boscos. Dort sah ich keinen Spind, sondern zwei Schreibtische. An dem links saß eine Frau mittleren Alters, mit der ich bald Freundschaft schloss. Inna war eigentlich Russisch-orthodox, hatte aber wohl in ihrer eigentlichen Gemeinde keine Möglichkeit gefunden, ihre Fähigkeiten einzubringen. So arbeitete sie ehrenamtlich als Sekretärin für die Caritas Odessa. Deren Leiter saß am anderen Tisch. Ein gepflegter ergrauender Schnauzbart, ein lichter Haarkranz und ein prüfender Blick, der sehr bald einem herzlichen Lächeln Platz machte, so erlebte ich Viktor Tichónovitsch Ivanóv bei unserer ersten Begegnung. An seiner Seite sollte ich viele Abenteuer erleben.

Zunächst aber wurde ich, jetzt ausschließlich auf Russisch, als ehrenamtlicher Mitarbeiter der frisch gegründeten Caritas Odessa gewonnen. Ein Pfund für Verhandlungen mit der bekanntermaßen reichen Caritas Deutschland. Ein Großteil meiner Arbeit bestand darin, Projektpläne aus dem Russischen ins Deutsche zu übersetzen und die Übersetzungen zu tippen. Zu einer Konferenz, zu der Viktor Tichónovitsch und ich nicht eingeladen waren, trug ich die gesammelten Werke mit, um sie in Kiew einem deutschen Vertreter der Caritas zu präsentieren. Die ulkigsten Vorschläge, zum Beispiel eine PKW-Flotte für Haustierbeerdigungen, hatte ich aussortiert. Aber auch die ernstzunehmenden Projekte waren Herrn H. zu teuer. Was Viktor Tichónovitsch bitter enttäuschte. „Jeder weiß, dass die Caritas Deutschland viel Geld hat. Warum gibt sie uns nichts?“ – Ich antwortete: Sie ist reich, weil sie nichts gibt.“ Grundkurs Kirchenkapitalismus, erste Lektion.

Dass kirchliche Einrichtungen in Deutschland auch anders können, lernte Viktor Tichónovitsch einige Wochen später. Via Faxgerät, das Vater Ignacy eigenhändig installiert hatte, leichte elektrische Schläge willig in Kauf nehmend, kam eine Mitteilung mutmaßlich von der Hardthöhe. Ein Militärgeistlicher kündigte an, kurz nach Ostern mit Marine-Offiziersanwärtern im Hafen von Odessa einzulaufen. Und er wollte gerne Hilfsgüter mitbringen. Nicht nur für die römisch-katholische Gemeinde, gerne auch für andere Glaubensgemeinschaften und städtische Waisenhäuser. Aber die hatten eben alle kein Fax, was wir dank Vater Ignacy hatten.

Der Lubliner Salesianer und der aus Odessa stammende Caritas-Chef Viktor Tichónovitsch waren, wie man heute sagen würde, extrem gut vernetzt. So gab es bald eine lange, lange Wunschliste von verschiedenen Einrichtungen. So viel ich weiß, wurden alle Wünsche erfüllt. Und der junge Priester Thomas Eisenmenger, mit dem ich mich schnell anfreundete, brachte noch viel mehr mit.

Die Kriegsschiffe, die ihn, die Hilfsgüter und auch die durch die Bank herzlich netten Offiziersanwärter nach Odessa brachten, waren die ersten deutschen militärischen Seegefährte seit dem Zweiten Weltkrieg. Entsprechend stark fiel die Charme-Offensive aus. Die Marine-Soldaten zeigten ein Fingerspitzengefühl, das mich – als eingefleischten Pazifisten – ein bisschen stolz auf meine Landsleute machte. Und auch die Odessiten wussten es zu schätzen. Jugendliche führten an Bord ein kleines Stück auf. Ein Mädchen, eine Piratenkapitänin darstellend, improvisierte frech drauf los und bemerkte, dass ihre Mannschaft vier Zerstörer im Handumdrehen gekapert habe. „Molodéc! – Prachtkerl“ sagte ein bärtiger Hafenarbeiter. Für einige Tage leuchteten die weißen Uniformen der Offiziersanwärter auf den Straßen der Innenstadt. Und die Seeleute bekamen, wie es hieß, nur selten Ärger mit Zivilisten.

Mehr Probleme hatten da schon Vertreter einer protestantischen Kirchengemeinde. Weil Hilfsgüter-Transporte durch das Stadtgebiet nicht ganz ungefährlich waren, bot ein Mitglied unserer, der katholischen, Gemeinde seine Hilfe für alle Empfänger an. Der Mann war ein hoher Armee-Offizier und ließ Transporte, für die das gewünscht wurde, gratis von seinen Soldaten eskortieren. Die Deutsche Evangelische Gemeinde lehnte entrüstet ab und – prompt wurde ihr LKW in eine Gasse abgedrängt und ebenda ausgeraubt. Das wird doch wohl nicht die junge Piratenkapitänin gewesen sein?

Immerhin wurde niemand verletzt. Schon gar nicht von oder auf den Kriegsschiffen. Am Sonntag feierte Thomas Eisenmenger auf Deck einen ökumenischen Gottesdienst, zu dem alle eingeladen waren, die einen deutschsprachigen christlichen Ritus mitfeiern wollten. Ich wollte – und hatte zudem eine Mission zu erfüllen. Nämlich Thomas, mit dem ich schon per Du war, direkt im Anschluss zur Kirche Marien Entschlafen zu eskortieren. Unbewaffnet natürlich und ohne Uniform. Eine einfache Übung. Zumal der Militärgeistliche Zivilist war und auch so aussah. Durch die westliche Kleidung fiel er im mondänen Odessa fast nicht auf.

Ein Kleiderwechsel fiel in der Sakristei an. „Thorsten, kann es sein, dass ich der Hauptzelebrant bin? Ich kann doch kein Wort Russisch!“ Für den Gast aus Deutschland hatte man das allerschönste Messgewand rausgesucht und bereitgelegt. Pfarrer Ignacy trug stattdessen seinen geliebten schlicht-weißen Überwurf mit einer kleinen Stola. Ich konnte Thomas beruhigen, nachdem ich sicherheitshalber noch einmal nachgefragt hatte.

Trotzdem fühlte er sich nach der Messe laut Bekunden in eine vergangene Epoche zurückversetzt. Mit Rücksicht auf den ausländischen Conzelebranten hatte man sich außer bei der Predigt auf die altgediente Sprache der römisch-katholischen Kirche eingestellt. Latein. Die Gemeinde kam erstaunlich gut damit zurecht. Und das obwohl in sowjetischen Kinos mutmaßlich nie „Das Gewand“ gezeigt worden war. Sandalenkrieger mit Hammer und Sichel – Bei Alexander Nevskij, das geht doch nicht!

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