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1995

Episode 06: Der Weg der Ziege

Odessa ist vieles, aber nicht sonderlich grün. Es gibt Parks, auch am Schwarzen Meer, Stichwort Arkadija. Wo zu sowjetischen Zeiten alte Seebären für immer an Land gingen. Weißbärtige Seefahrer – heute eine aussterbende Art. In den Neunzehnhundert-Neunzigern gehörten sie noch zum lebendigen Stadtbild Odessas.

Zwei Ziegen am Weg

Odessa ist vieles, aber nicht sonderlich grün. Es gibt Parks, auch am Schwarzen Meer, Stichwort Arkadija. Wo zu sowjetischen Zeiten alte Seebären für immer an Land gingen. Weißbärtige Seefahrer – heute eine aussterbende Art. In den Neunzehnhundert-Neunzigern gehörten sie noch zum lebendigen Stadtbild Odessas.

Hauswirt Valérij war so ein Seebär. Wenn auch nur nebenberuflich und spätberufen. Seine Arbeitsbiographie wurde durch Zirkus und Kneipenpiano geprägt. Mit leuchtenden Augen erzählte er, wie eines Tages Vladímir Vysóckij in eine Bierkneipe kam, als er, Valerij, dort Klavier spielte. Der große Vladimir ließ sich verraten, wie der Bar-Pianist heiße, trat auf ihn zu und sagte: „Valéra, igraj!“ – Spiel, Valerij. Der damals noch nicht weißbärtige Odessit fragt keck zurück: „Was soll ich denn spielen?“ Der berühmte Barde erwiderte: „Egal. Irgendwas. Czto nibúdj.“ Damit waren die Regeln klar. Vladimir Vysockij, 1938 bis 1980, hat in seinem verhältnismäßig kurzen Leben zigtausend Lieder geschrieben. Ein paar Hundert davon hatte man als gebildeter Sowjetbürger verdammt-noch-mal zu kennen. Auswendig natürlich. Und daran hatte sich in den 90er-Jahren, also nach dem СССР-Untergang, nichts geändert.

Bei Valérij hatte sich nach dem Umbruch von 1991 fast alles geändert. Seine Artistenrente existierte nur auf dem Papier. Seinen Unterhalt verdiente er sich mit Privatstunden, Zimmervermietung und damit, Touristen durch das Schwarze Meer und bis in die Ägäis zu schippern. Zusammen mit zwei Kumpeln hatte er eine Yacht dafür klargemacht. Einen Garten oder gar eine Datscha für den Gemüseanbau besaß er nicht. Seine Frau Valentina Petrówna, selbst ehemalige Zirkus-Artistin, verstand sich darauf, aus praktisch allem etwas zu machen, was ihrem Göttergatten schmeckte. Und Valerij war anspruchsvoll!
Fleisch musste her. Das war schwer zu bekommen und teuer. Ich bin sicher, die Hauswirte aus dem kleinen Haus an Ulitsa Tschizhikova hätten gerne einen Hauszoo gehabt. Mit essbaren Tieren.

So hatten sie nur einen Hund, die bemerkenswerte Markísa – was Gräfin bedeutet. Über diese liebenswerte Hundedame ließen sich Bücher schreiben! Vielleicht mache ich das später mal. Erstmal soll es genügen, dass drei Katzen, die regelmäßig zu Gast kamen, von der Gräfin großgezogen worden waren. Zwei davon, Seryj i Belyj – der Graue und der Weiße – ließen sich von ihrer schwarzhaarigen Ersatzmama die Ohren auslecken. Andere Vierbeiner hatten keine solchen Zärtlichkeiten zu erwarten. Ich habe erlebt, wie ein stolzer Dobermann-Rüde um die schöne Gräfin warb, erst selbstbewusst, dann galant, dann unterwürfig. Zum Schluss biss Markísa ihn und jagte ihn ins Meer. Wo er schlotternd in den Wellen stehenblieb. Adel verpflichtet.

[Musik: Wie schön blüht uns der Maien]

Eines sommerlichen Tages wurden wir menschlichen Schutzbefohlenen der Hundegräfin in die Wildnis bestellt. Unsere zeitweiligen Mitbewohner, denen im Winter die Eiszapfen im Wohnheimzimmer nicht behagt hatten, hatten von einem Dozenten eine Einladung auf seine Datscha bekommen. Sie durften mitbringen, wen sie wollten. Neben uns drei Ulitsa Tschizhikova-Bewohnern waren das noch andere, wir kannten uns untereinander. Die Datscha war für uns alle neu. Wie ihre Bewohner. Das war neben dem Jura-Dozent seine Frau, zwei supernette Kinder, ein paar Milchziegen und – ein hinterhältiger Ziegenbock.
Den sah man nicht sofort, er hatte einen hüttenartigen Unterstand, in dem er sich versteckt hielt, angebundenerweise. Knapp hinter der Leinenlänge verlief ein Weg, der durch Steinplatten markiert war. „Die Datscha hat keine Innentoilette“ verriet uns lächelnd die Frau des Uni-Dozenten. „Wenn ihr mal müsst, findet ihr am Ende des Steinwegs ein Häuschen.“ Das war klar als PC, als Plumpsclosett, zu erkennen. Am Herz-Loch in der Tür. Was es mit den Steinmarkierungen auf sich hatte, erklärte die Datscha-Chefin mit einem feinen nachsichtigen Lächeln. „Wenn ihr auf dem Weg bleibt, erwischt euch der Ziegenbock von rechts nicht.“ Alles klar, Krasnaja schapotschka, Rotkäppchen, weich nicht vom Pfad ab. Sonst kommt von rechts der böse W…idder. Schlauköpfe mögen fragen, warum man nicht einfach links vom Weg hätte gehen können. Antwort: Weil da ein gar nicht mal so flacher Gartenteich war. Es hatte schon ein bisschen was von Skylla und Charibdis, bei Poseidon!

Nach Einbruch der Dunkelheit war die Spur der Steine nicht mehr zu erkennen. Listig wie mein Jugendheld Odysseus versuchte ich, nächtliches Austreten zu vermeiden, indem ich wenig trank. Das war an sich schon eine gute Idee. Denn nachdem das spärlich vorhandene Trinkwasser aufgebraucht war, gab es Nuss-Schnaps. Samagónka – Selbstgebrannten. Beim Anstoßen nicht mitzumachen galt und gilt da nach wie vor als tiefe Beleidigung der Gastgeber. Ich zog einige Trick-Register, die Odysseus Ehre gemacht hätten, aber einmal musste ich doch raus zum Herzchen-Haus. Vorsichtig schlich ich auf dem schmalen Pfad, nahm die Umrisse des Bock-Unterstandes wahr, dachte, dass das Tier vielleicht schläft, ging leise weiter… znng, da kam er. Ätsch, verfehlt. Aber den Luftzug der vorstoßenden Hörner glaubte ich zu spüren.

Das mochte Einbildung sein, selbstgebrannter Nuss-Schnaps regt mutmaßlich die Phantasie an. Sicher regte er meinen Magen an. Nicht zum Verdauen, eher zum Gegenteil. Mühsam konnte ich die am Abend gereichten phantastischen Schaschlikí bis zum Morgen bei mir behalten. Kumpan B. ging es da anders, er schuf die Wandgestaltung N-U-Doppel-S 95.
Beinahe wäre ich seinem Vorbild doch noch gefolgt. Zum Frühstück gab es noch kein neues Trinkwasser, damit auch keinen Kaffee oder Tee. Statt dessen: Nuss-Schnaps. Stolz präsentierte der Gastgeber eine übriggebliebene Flasche seines edlen Hausbrands, öffnete sie und schenkte lächelnd ein. In Gläser und Tassen. Ich glaube, meine Gesichtsfarbe war leicht grünlich. Ich versuchte, höflich mein Glas oder meine Tasse weg zu ziehen, wissend, dass ich im Begriff war, eine Beleidigung erster Klasse vom Stapel zu lassen. Die Miene des Gastgebers verfinsterte sich bereits, da – rettete mich die Schutzhalbgöttin des Gartenhauses. Meine persönliche Ariadne.
„Thorsten, möchtest du vielleicht lieber etwas Warmes? Ich habe hier ganz frische Milch von unseren Ziegen.“ – Ich hatte noch nie Ziegenmilch getrunken. Seit jenem Morgen ist sie eines meiner Lieblingsgetränke. Mögen Andere das Frühstück der Profis schätzen oder den Bluttrunk klingonischer Krieger. Ich wähle immer den Weg der Ziege. Darauf ein Füllhorn! Budj zdoróv!

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