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1992

Episode 11: Unter Strom

Techno mag ich am liebsten unplugged. Im Odessa der frühen 90er Jahre hätte dieser Scherz nicht gezogen. In meiner Wahlheimat Berlin mache ich mich damit heute zwar unbeliebt. Aber ich muss mich nicht wie anno 92 vor Entführung fürchten.

Hand mit Kabeln und Steckern

Techno mag ich am liebsten unplugged. Im Odessa der frühen 90er Jahre hätte dieser Scherz nicht gezogen. In meiner Wahlheimat Berlin mache ich mich damit heute zwar unbeliebt. Aber ich muss mich nicht wie Anno ’92 vor Entführung fürchten. Obwohl – Wenn der Strom-Mann zweimal klingelt, ist es vielleicht…

Disclaimer: Es geht mir in dieser Episode ausdrücklich nicht darum, wertende Aussagen über Firmen oder Institutionen zu machen. Insbesondere nicht mit Bezug auf tagesaktuelle Nachrichten. (Thorsten Steinhoff, Berlin – Lüneburg, 13.06.2022)

Wenn der Strom-Mann zweimal klingelt, ist es vielleicht ein weißhaariger Mann, der mir einen Job anbietet. Mit gerade einmal 30 Jahren Verspätung.

Vor annähernd 30 Jahren nämlich war ich zum zweiten Mal in Odessa. Schon damals eine Herzensheimat, vor allem der Menschen wegen. Nicht wenige waren binnen eines Jahres, seit meinem ersten Besuch, zu echten Freunden geworden. Ganz ohne digitale Kommunikation, die stand Privatleuten noch lange nicht zur Verfügung. Selbst Festnetztelefone waren in der frisch postsowjetischen Ukraine selten – mindestens in Privathaushalten. Außer deren erwachsene Vorstände hatten zu ganz bestimmten Kadern gehört.

Der Vater einer besonders guten Freundin war überzeugter Kommunist – das krasse Gegenteil eines seelenlosen Parteisoldaten oder Pfründe-Halters. Ein klasse Mann! Zu seinem Aufgabengebiet gehörte die Stromversorgung der Hafenstadt. Als ich ihn das erste Mal traf, war das vor dem Wohnhaus, in dem er mit seiner Familie und dem Angetrauten seiner Tochter Jelena wohnte. Gepflegt und gemütlich, die Wohnung. Doch ohne goldene Wasserhähne oder andere van Elst-Utensilien. Zack, der musste jetzt leider sein.

Nein, es stand kein katholischer Bischof bei Herrn I., als ihn mir seine Tochter vorstellte. Der Begleiter des leitenden städtischen Elektro-Technikers stammte aber doch aus demselben Land wie der spätere Prunk-Bischof. Das zeigte sich freilich nicht sofort. Zunächst einmal unterhielt ich mich kurz mit dem Vater meiner podrúga, auf Russisch natürlich, denn das war unsere gemeinsame Sprache. Es war ziemlich holprig von meiner Seite, aber es genügte für ein bisschen Smalltalk. Jelena hatte sichtlich Freude daran, dass ihre Sprachlektionen Früchte zeigten. Von ihr lernte ich das erste praktische Russisch. Und dabei hatte sie ganz auf Lehrbücher verzichtet. Das einzige Lehrbuch, das ich von ihr bekam, ist ihr eigenes Deutsch-Lesebuch. Lehrmittel, die sie einsetzte, waren Briefe, Kochrezepte und Liedtexte. Bei den Liedtexten vorzugsweise ukrainische. Hier ist eines dieser Lieder in meiner Klavierbearbeitung.

(Musik: Ти казала)

Den Text kenne ich nach wie vor auswendig und kann ihn jederzeit trällern. Beim Spielen habe ich mir gerade Mühe gegeben, damit dieses lustige Volkslied nicht militärisch klingt. Deswegen tadelte mich Lena nämlich, als ich es sehr viel später auf ihrem Klavier in der elterlichen Wohnung spielte. „Das war ein deutscher Marsch“ sagte sie.

Ob der Begleiter ihres Vaters im September ˋ92 wohl Klavier spielen konnte? Er sah nicht nach Musiker aus, sondern kam reichlich militärisch rüber. Nein, er trug keine Uniform, nur Sakko und eine Kombi in Weiß-Schwarz. Aber seine rechte Wange zierte ein Schmiss, das hagere Gesicht mit eisblauen Augen hätte jeden WK2-Film aufgepeppt. Und als er mich ansprach, wurde der martialische Eindruck perfekt.

„Sie sind Deutscher? Sie sprechen Russisch?“ Das klang wie auf einem Kasernenhof. So stellte ich mir den vor, ich war nie auf einem gewesen. Nicht gedient. Aber danach wurde ich ja hier auch nicht gefragt. Deutscher sein, Russisch sprechen – beides so lala. Ich nickte wortlos. Mein Gegenüber packte die Verbal-Uzi aus.

„Sehr gut. Wir brauchen Sie. Hier in Odessa.“

Luft brauchte der Mann offenbar nicht. Im Schnellfeuer-Modus sprach er weiter.

„Ich bin von der AEG und wir machen hier ein Büro auf. Dafür brauchen wir Sie. Schreiben Sie mir hier ihre deutsche Adresse und ihre Telefonnummer auf.“ Einen Notizblock hatte Mr. AEG sofort zur Hand, Blackberries gab es nur am Obststrauch.

Ich kritzelte Unlesbares auf den Zettel. Meine Handschrift war schon damals ein Lehrwerk für Ärzte und Apotheker. Allerdings – das fiel mir später ein – im Haushalt der Familie I. lagen Briefe von mir. Auf den Couverts stand zwar keine Telefonnummer, aber die Anschrift.

Als ich wieder zurück in Regensburg war, freute ich mich, einen Türspion zu haben. Nicht dass da plötzlich ein AEG-Kommando stand, um mich nach Odessa zu verfrachten.

Komisch, bis heute habe ich keine Haushaltsgeräte dieser renommierten deutschen Firma. Aber halt, die neue Klingel, die letztes Jahr von der Wohnbau eG eingebaut wurde. Ah, EG. Klingelt da nichts? (Klingelgeräusch) Huch!

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