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1993

Episode 13: Hochzeit – Dabeisein ist alles!

Es muss nicht die eigene Eheschließung sein, um ein Highlight zu erleben. Heute im Podcast: Eine ländlich ukrainische Vessílja.

nygifta!

Es muss nicht die eigene Eheschließung sein, um ein Highlight zu erleben. Heute im Podcast: Eine ländlich ukrainische Vessílja.

Svadjba / Vessílja – eine Sache, bei der Ukrainisch und Russisch unterschiedliche Wege gehen. Beide Begriffe meinen dasselbe: Die Eheschließung. Das ukrainische Wort vessílja ist mit dem slawischen Kernwort für „fröhlich“ verwandt. Davon bekam ich 1993 einen prägenden Eindruck.

Meine Flamme war zur Hochzeit einer Freundin eingeladen. Obwohl sie mich nach einem Fauxpas meinerseits auf dem Kieker und eigentlich schon verbannt hatte, nahm sie mich mit.

Der Freundin stellte sich mich nicht vor. Wieso sollte sie auch? Ich hatte es schließlich vergeigt.

Aber immerhin: Ich durfte ein paar Augenblicke neben der lieben G.A. sitzen. Lange genug, dass der Bruder der Braut auf mich aufmerksam wurde.

Die Szene: Nach deutschen, ja bayerischen Begriffen, die damals für mich einschlägig waren, ein lokaler Ballsaal. Zu einem Gasthaus gehörend. Es durfte getanzt werden, die Zeremonie war bereits vor Eintreffen unseres Regionalzuges gelaufen. Das Buffet wurde eröffnet und mein Teller bestens belegt. Das Glas vor mir enthielt Wasser. So meine ich mich zu erinnern. In der Steppenlandschaft, die der Bezirk von Odessa, die Odésskaja oblast, seit je her darstellt, ist Trinkwasser eine Delikatesse. – Die allerdings auf dem Lande traditionell weiter verfeinert wird. Zur Samogónka. Auf Deutsch: zu Selbstgebranntem, zu Schnaps.

Wie sich schnell herausstellte, war auch der Bruder der Braut mit diesem Hobby befasst. Ich war ihm auf Anhieb sympathisch. Er konnte meinen Rufnamen zwar nicht aussprechen, aber ein „ty“, ein „du“ war erstaunlich schnell zur Hand beziehungsweise Zunge. Schließlich hatte mich G.A. mitgebracht, so schlimm konnte ich also nicht sein.

Nach der namentlichen Vorstellung bat mich der junge Mann, mein Wasserglas zu leeren, um seinem selbstgebrannten Aprikosenschnaps Raum zu geben. Ich tat wie mir geheißen und leerte das frisch mit Aprikosenbrand gefüllte Glas wie mein nobler Spender auf Ex. Lecker. Und knallhart im Abgang. Ein bisschen zaghaft fragte ich nach dem ungefähren Alkoholgehalt. „Genau weiß ich es nicht“, antwortete der Hobby-Brenner. „Aber 80 Grad sind es mindestens.“

Achtzig Grad – das bedeutet achtzig Prozent. Stroh-Rum-Niveau. Dachte ich und fand ein frisch gefülltes Glas vor, das Gegenstück bereits gehoben und mir entgegengestreckt.

Es ist ein böses Gerücht, dass man sich im russischen Kulturraum mit „na zdorovje“ oder „sa sdorovje“ zuprostet. Beides, so sagte einmal in einem „Zimmer frei“-Interview Vladímir Kamíner, sei mutmaßlich polnischen Ursprungs. Meine erste Ukrainisch-Lektion in Sachen Trinkspruch lautete: „Nu kuma, budjmo!“ – Ich habe nur diese eine Quelle und die war ausdrücklich regional. Bei der vessilja nahe Odessa hörte ich sie nicht. Ich meine, der Schnapsbrenner prostete mir beide Male wortlos zu. Es gab ein drittes Anstoßen, aber – daran kann ich mich kaum erinnern.

(Musik: Variation über ein neuhochdeutsches Hochzeitslied)

Bevor ich das dritte Glas leerte, trat ich die Flucht nach vorne an. Stracks auf die Tanzfläche. – Ich muss hier anmerken, dass ich nicht einmal des Foxtrotts mächtig bin. G.A., meine Hochzeits-Begleiterin selbst, war es gewesen, die mich in Regensburg auf eine improvisierte Tanzfläche genötigt hatte. Und die da meine ungewollten aber unvermeidbaren Zehentritte tapfer wegsteckte. Molodets, devuszka! Terpí kosák.

Gut ein Jahr später, auf heimischem Terrain, machte sie nicht den Fehler, mich erneut aufzufordern. Sie hielt mich aber auch nicht auf. Wer zur Tanzfläche flüchtet – Bahn frei.

Natürlich machte die Musik irgendwann Pause. Ich kam nicht umhin, das dritte Glas Aprikosen-Samogonka zu leeren. Aber dann – slava Bogu, Gott sei Dank, wollte der gnadenlose Einschenker an die frische Luft. Ich ging mit. Und fand G.A. auf einer Holzbank vor.

Wie ich schon erwähnte, war ich Wochen zuvor in Ungnade gefallen. So setzte es jetzt ein Beziehungsgespräch ohne Beziehung. Das Thema: Romántika. Kurz gesagt: G.A. warf mir unterschwellig vor, für echte Romantik nicht geschaffen und so auch zu keiner Beziehung fähig zu sein. Der Braut-Bruder, der ja Luft schnappen wollte, fing die Atmosphäre auf und stellte G.A. eine Frage: „Was glaubst du, was Liebe bedeutet?“ Meine Flamme antwortete spontan: „Romantik.“ Darauf erntete sie vom Fragenden ein Kopfschütteln. „Nein, G-chen. Liebe ist Arbeit, richtig harte Arbeit.“ Ich nickte spontan. Und fing mir deswegen einen besonders bösen Blick ein. Aber wenn schon vergeigen, dann bitte auch richtig. Nu kuma, budjmo.

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