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1995

Episode 14: Zhanna

„Die sind einfach ganz anders drauf!“ sagte meine beste Freundin zu Studienzeiten, die liebe U., damals noch Z. – Sie meinte damit die große Zhanna Bitschéwskaja. Die ich einige Jahre später einmal live erleben sollte. In der Philharmonie von Odessa.

Windjammer im Hafen von Stockholm

„Die sind einfach ganz anders drauf!“ sagte meine beste Freundin zu Studienzeiten, die liebe U., damals noch Z. – Sie meinte damit die große Zhanna Bitschéwskaja. Die ich einige Jahre später einmal live erleben sollte. In der Philharmonie von Odessa.

Der Aufsteller war ganz schön unauffällig. Und dabei kündigte er sehr kurzfristig den Besuch einer regelrechten Ikone der sowjetischen Bardy-Szene an. Zhanna Bitschéwskaja wird zu Recht gerne in einem Atemzug mit Bulát Okudscháwa genannt. Also dem Grand Seigneur der Liedermacher russischer Sprache, die den Regierenden selten wirklich zu Pass kamen. Zu vielschichtig und anspielungsreich waren die Texte, die mit eingängiger Musik und unverwechselbarer Stimme dem sowjetischen Publikum zu Gehör kamen. Der international bekannteste sowjetische Barde, Vladímir Vysótskij, unterhielt sogar Kontakte nach Frankreich und konnte es wagen, auf Fotos mit Kreuz an der schlichten Halskette zu posieren. Ohne deswegen als verkappter Christgläubiger belangt zu werden. In einem seiner zigtausend Lieder, in „Ja ne ljubljú“ heißt es: „Es ist einfach schade um den gekreuzigten Christus“. Auferstehungsglaube klingt anders.

Christlicher Glaube war Mitte der 90er Jahre in Odessa wieder hoffähig geworden. Ich hörte erklärt christliche Konzerte und solche, die jedem Pietisten gefallen hätten. Dicke silberne Kreuze hingen da über mancher Brust, die  oben von einem leidend aussehenden Gesicht überdacht wurde. „Nicht die Spur von Humor“ wie meine Wohngenossin J. einmal treffend bemerkte. Ja, ich war schon damals christlich ausgerichtet, aber diese Glaubensweise war und ist nicht die meine. Einfach nur schade.

Als ich das Plakat von Zhanna Bitschéwskaja vor der Philharmonie sah, blieb mein Blick nicht an einem Kreuz, sondern an zwei Initialen hängen. Das kyrillische ZH – Ж – ist nun einmal ein echter Eyecatcher. Kombiniert mit dem für westliche Augen ebenfalls ziemlich auffälligen kyrillischen B – Б – und dem Wissen um die sowjetische Liedermacher-Szene, na hallo! Ж Б, alles klar. Auch mit der kurzfristigen Ansage, dass am heutigen Sonntag um 16 Uhr etwas im kleinen Saal der Philharmonie stattfindet. Also: stattfand. Denn wir reden hier vom Jahr 1995. Mithin von Friedenszeiten, in denen es einen regen Austausch zwischen Odessa und dem postsowjeischen russischen Norden gab.

Es war gegen Zwei Uhr nachmittags, als ich den Plakataufsteller sah. Die Kasse öffnete gerade und als halber Odessit, was mein Social Media-Name polodessit bedeutet, bekam ich die Eintrittskarte für den Inländerpreis, umgerechnet auf heute ungefähr 20 Cent. Zahlbar in Kupon, der damaligen provisorischen ukrainischen Landeswährung.

Einlass war pünktlich um Viertel vor Vier und bald trat im gut gefüllten Saal Zhanna Bitschéwskaja herself auf die Bühne. Begleitet von einem jungen Mann, den sie wenig später vorstellte. Aber erst, nachdem sie ehrlich herzlich die „lieben Odessiten“ begrüßt hatte. Ihre Stimme, die ich von Kassetten und Platten kannte, klang live noch viel eindrucksvoller. Zumal sie da quicklebendig vorne stand, die eher klein gewachsene aber doch überlebensgroße Ikone. Dazu passte, was sie über den jungen Mann sagte, der mit ihr auf die Bühne gekommen war. Er sei ein begnadeter christlicher Lieddichter, von dem sie heute einige Stücke vortragen werde. Und er singe auch selbst, während sie ihn mit der Gitarre begleite.

Der Name, die Stimme, die Musik und die Texte des damals jungen Mannes habe ich vergessen. Die von Zhanna Bitschéwskaja gesungenen Klassiker nicht.

Ein Lied war nicht darunter: „Schwarzer Rabe“. Ein Lied, in dem es um Lebensmut und tragischen Tod geht. Leider heute zeitgemäßer als damals. Ohne Humor. Und es war dieses Lied, das meine Studienfreundin sagen ließ: „Die sind einfach ganz anders drauf.“ Stimmt. Noch. Wie lange noch?

(Musik: Improvisation über Tschornyj Voron)

In dieser Episode gibt es kein Orgel-Finale.

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