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1995

Episode 15: Hildegard vs. Jevlogij

Sommerzeit, Urlaubszeit, Rundenpause? – Nicht für mich. Zumal meine Sommerferien längst vorbei sind. Also: frisch ans Ring-Mikro. Heute in der Lautwert-Arena: Sr. Hildegard vs. Otéts Jevlógij.

Hinweisschild im Kräutergarten des Vasa-Museet Stockholm: Wermutkraut

Sommerzeit, Urlaubszeit, Rundenpause? – Nicht für mich. Zumal meine Sommerferien längst vorbei sind. Also: frisch ans Ring-Mikro. Heute in der Lautwert-Arena: Sr. Hildegard vs. Otéts Jevlógij.

Die Lady im Ring ist allen Katholiken wohl bekannt. Und nicht wenigen Esoterikern, denn die Heilkunde der Hildegard von Bingen ist auch bei ihnen populär.

Den Russisch-orthodoxen Mönch Jevlógij kennt dagegen kaum jemand – außerhalb der Odessaer Klostermauern.

Innerhalb dieser Mauern lernte ich 1995 den damals sehr jungen Geistlichen kennen. Und erwischte ihn auf dem falschen Fuß. Gerade hatte er die Predigt eines Mitbruders anhören müssen, die mir sehr gut gefiel. Aber ich war ja auch ein Apostat, ein vom rechten Glauben Abgefallener, kurz: ein römischer Katholik.

Gleich nach diesem Gottesdienst wurde ich dem als ökumenisch gesinnt berühmten Mönch vorgestellt. Ich war mit den klösterlichen Gepflogenheiten so weit vertraut, dass ich ein paar Fragen zu Beginn unseres Gesprächs erwartete und einen erbetenen Segen am Schluss. — Eine Frage bekam ich: Aus welchem Land ich stamme. Auf die Antwort folgte die Vorbereitung der ersten Breitseite. „Da bin ich schon gewesen“ fing Vater Jevlógij harmlos an, um dann die Lunte anzuzünden. „Da gibt es keinerlei geistliches Leben.“ Kawumm. Ich wollte nachfragen, ob er von der fünf Jahre zuvor untergegangenen DDR spreche, für die ich dieses Urteil gleichwohl nicht gelten lassen könnte. Aber so weit kam ich nicht. Statt dessen setzte es eine knackige Kurzpredigt, in der mir dargelegt wurde, warum die römische Kirche ganz und gar auf dem falschen Weg sei. Soundtrack-Vorschlag hier: Highway to hell.

Meine Begleitung versuchte die Lage zu retten, goss aber noch Super-Oktan ins Höllenfeuer: „Thorsten beschäftigt mich mit vielen geistigen Richtungen und Literaturen, unter anderem mit jüdischer Religion und Poesie.“ Ach, K., du musstest doch wissen, wie beruhigend das auf den in einzig rechter Weise lobpreisenden Mönch wirken würde. Nämlich so: Er guckte mich aus dem Augenwinkel an, wofür er sich nolens volens um ein paar Winkelgrad umdrehen musste, mir also den Blick auf seinen würdigen Rücken verengte. Dann fragte er verhalten, ob ich denn überhaupt an Christus glaube. Dass ich das bejahte, quittierte er mit einem leichten Kopfschütteln. Er habe jetzt leider Dringendes zu tun. Damit zog Vater Jevlógij von dannen, eiligen Schrittes und ohne mich eines Blickes, geschweige denn eines sogar Ungläubigen zustehenden Segens zu würdigen. Kawumm. Und Vorhang. Hier im Odessa-Podcast mit einem schwedischen katholischen sommerlichen Kirchenlied, das ich heute vor fünf Jahren zum ersten Mal live hörte und gleich mitsang. Blumenkinder-Gruß, Vater Jevlógij!

(Musik: Schwedisches katholisches Sommerlied)

Die Szene mit Vater Jevlógij spielte sich im Januar ‘95 ab. Im Klostergarten. Es gab so wenig Blütenpracht wie gute Laune. Ich war geplättet. Echt, so viel Unfreundlichkeit hatte ich noch nie zuvor erlebt, erst recht nicht von einem Geistlichen.

Zum Glück bog ein alter Mönch um die Ecke. Genau genommen kam er aus einer Sakristei. Er sah meine Begleiterin, die er als Kirchgängerin kannte und mich, das nicht heulende Elend. Er fragte K., wer ich sei. Sie erwiderte, ein Gast aus Deutschland. Ich habe den Namen des ehrwürdigen alten Mönchs vergessen, vielleicht wurde er mir auch gar nicht vorgestellt. Aber er stellte sich direkt vor mich, strahlte mich mit hellen wasserblauen Augen an und fragte: „Junger Mann, können Sie mir ihre Seele zeigen?“ Auftritt Hildegard von Bingen. Die zitierte ich jetzt nämlich sinngemäß. „Eine Heilige meiner Kirche schrieb einmal: Die Augen sind Fenster der Seele. Also, sehen Sie in meine Augen, Batuschka.“

Batuschka, meistens übersetzt mit „Väterchen“, ist die korrekte Anrede für einen Russisch-orthodoxen Mönch, wenn er nicht gerade ein Bischof ist. Mein Gegenüber war entweder kein Bischof oder er sah mir meinen Fauxpas nach. Er lächelte, nickte und schüttelte dann leicht den Kopf. „Nein, junger Mann, die Seele kann man nicht sehen.“ Auf die Aussage folgte eine sehr kurze aber schöne Predigt und um den anschließenden Segen musste ich nicht bitten, er kam von selbst.

Versöhnt verließ ich das Kloster wieder. Später besuchte ich es noch öfter. Beim nächsten Besuch traf ich auf Vater Jevlógij, er war wie ausgetauscht. Zu meinem Leidwesen nicht freundlicher, sondern nur sehr kleinlaut. Ratlos blickte ich die mich wieder begleitende K. an. Die sagte mir später, sie habe ihrem Beichtvater die Geschichte erzählt. Und der habe sich dann bald mit dem jungen Vater Jevlógij unterhalten. Ich war ja nicht dabei, aber ich glaube, ich kann mir die Kernaussage von Vater Alekséj so vorstellen: Bamm! Voll auf die Kloster-Zwölf. Zur Behandlung empfehle ich: Salbe nach Hildegard-Rezeptur. Sankt Hildegard, Batuschka! So viel Zeit muss sein.

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