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1994

Episode 16: Arnies Friseur

Mne nravitsja tut – mir gefällt es hier. So drückte es ein junger Mann aus, der uns in der Ulitsa Tschizhikova besuchte. Sein Wesen: die Gutmütigkeit in Person. Sein Job: schwer bewaffneter Wachmann in einer Bank. Ratatata?

Militärische Festungsanlage (Cadiz)

Mne nravitsja tut – mir gefällt es hier. So drückte es ein junger Mann aus, der uns in der Ulitsa Tschizhikova besuchte. Sein Wesen: die Gutmütigkeit in Person. Sein Job: schwer bewaffneter Wachmann in einer Bank. Ratatata?

Es war schon damals hart, Pazifist zu sein. Aber heute fällt es mir noch sehr viel schwerer. Was will ich Odessiten sagen, denen Wohnhäuser, Verkehrsmittel und zuletzt der Hafen mit Raketen beschossen werden? Gewaltloser Widerstand hilft nicht gegen Ferngeschosse. In gleicher Währung zurück zu zahlen, dreinschlagen zu wollen, wer könnte diesen Reflex verurteilen?

Bei meiner zweiten Odessa-Reise lernte ich in einem Wohnheim junge Soldaten kennen, die kurz zuvor aus Afghanistan zurück gekommen waren. Ich habe selten so höfliche und aufrichtig hilfsbereite Menschen getroffen. Das selbstgeschriebene Lied, das einer von ihnen zur Gitarre sang, ging mir durch Mark und Bein, obwohl ich natürlich nicht jedes einzelne Wort verstand. Trotzdem verstand ich genug, wie man mir bescheinigte. Eine schwäbische Slavistik-Studentin wollte mich nämlich testen. Sie fragte mich, ob ich ihr das Wichtigste aus dem Lied zusammenfassen könne – mit eigenen Worten. Ich konnte. Zu meinem eigenen Erstaunen. Soldaten-Gedanken begreifen und mit Anteilnahme wiedergeben, als Pazifist. Schon seltsam.

Gut ein Jahr später in einer Privatwohnung. Ich weiß nicht mehr sicher, wer den Gast mitgebracht hatte, vielleicht war es J., vielleicht S., vielleicht einer unserer regelmäßigen Zaungäste. Und damit meine ich nicht die beiden Kater Belyj und Seryj.

„Mir gefällt es hier“ sprach unser Gast in Jeltsins Sprechtempo, ohne auch nur eine Spur von dessen Lebenselixier intus zu haben. Mit Revolverschnauze Borís Jeltsin hatte unser Gast sonst nichts gemeinsam, dafür mit Hauswirtssohn Petja. Beide waren nämlich erklärte Freunde von zentnerschweren Mörderwummen. Respektive des damals populärsten Kanonenträgers: Arnold Schwartsenjégger.

Ja, so nannte man ihn, so verehrte man ihn. Und reagierte leicht irritiert, wenn unsereins den Familiennamen der Steirischen Eiche anders aussprach.

Viel schlimmer aber, wenn man sich im filmischen Arnie-Kosmos nicht auskannte. So wie ich. Klar, den Terminator kannte ich. Conan dito. Aber als ich Arnie mit schweren Muskeln und nur etwas leichteren Geschützen durch einen Jungle ziehen sah, ja, da entfuhr mir doch die ketzerische Frage: „Wenn er sowieso alle Feinde erschießt, wozu braucht er die ganzen Muskeln?“ Ich hatte meine Frage auf Russisch formuliert. Petja verstand sie also, guckte ungläubig und überlegte vielleicht schon, wie er mir, dem verdammten Love&Peace-Hippie, heimleuchten könnte. Da rettete mich Mitbewohnerin S. „Ohne die Muskeln könnte er das MG doch nicht tragen.“ Na, wenn das so ist. Ein Hippieleben gerettet. Peace!

Petjas Rache erfuhr ich ein paar Tage später. Meine lieben und möglicherweise gedungenen Mitbewohnerinnen stellten fest, dass ich einen Haarschnitt brauchen könnte. Diensthabender Friseur vom Tage war: Petja. Und wahrhaftig, dieser perjukmachér, wie Friseur auf Russisch wirklich heißt, führte eine Anti-Hippie-Klinge. Der Kopf blieb zwar dran. Aber als ich nach der Prozedur in den Spiegel blickte: Militärschnitt vom allerfeinsten, exakt zwei Millimeter von der Glatze entfernt. Petja grinste. Mann, da soll man friedlich bleiben. Aber das war auch nur Spaß, mit Humor leicht zu nehmen. Zu dem Ihr hoffentlich wieder kommt, meine lieben Odessiten. Daj Bog!

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