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1992

Episode 17: Bolle im Wilden Osten

„Philosophen find‘ ich gut. Jeder sollte sich einen halten.“
Der das im Zug von Lemberg, heute Lviv, Anno ‘92 sagte, war ein von sich überzeugter frischgebackener Pharmazie-Student.

Nein, das ist nicht Bolle. 😉

„Philosophen find‘ ich gut. Jeder sollte sich einen halten.“

Der das im Zug von Lemberg, heute Lviv, Anno ‘92 sagte, war ein von sich überzeugter frischgebackener Pharmazie-Student. Nennen wir ihn hier Bolle.

Das wird seinem Los besser gerecht, anders als sein wirklicher Rufname.

Denn ja, für den seinerzeit blondgelockten Jüngling ging bei seiner allerersten Osteuropa-Tour so ziemlich alles daneben. Von einer eventuell verlebten Bettgeschichten-Fortsetzung abgesehen. Wahrhaftig, dieser Vogel liebte heiße kurze Affären. Das machte er zum Beispiel mehr als deutlich, als er mich dringend bat, ihn beim nächsten Abstecher nach B. nicht zu begleiten. „Sie ist so süß, ich möchte gerne mit ihr alleine sein, du verstehst schon.“ Zu dumm, dass ich bis über beide Ohren in dieselbe junge Frau verliebt war und das schon länger. Was den erotischen Zugvogel nicht gekümmert hätte, hätte er denn davon gewusst. Er fuhr einige Tage später alleine zur Weißen Feste. Aber zum Techtelmechtel kam es nicht, denn das Unglück schlug zum fünften Mal zu.

Unglück Nummer Eins ereignete sich kurz nach dem Bezug unserer Wohnheim-Zimmer. Eine Bus-Exkursion war angesetzt und wir versammelten uns wie gefordert in aller Frühe direkt vor dem Eingang des ehemaligen Partei-Wohnheims. Eine noble Herberge – zu Glanzzeiten des Mutterlandes aller Arbeiter. Aber gut ein Jahr nach dem vorläufig endgültigen Zusammenbruch des Imperiums, gucken wir mal, was in den nächsten Monaten passiert, bröckelte die Pracht bedenklich. Die Balkone, so hieß es, seien nicht zu betreten. Grummel, mochte sich so mancher von uns denken. Wozu hat man einen Zimmerbalkon, wenn man nicht raus darf? Die Antwort bekam Unglücksrabe Bolle als Morgen-Telegramm. Und zwar als schlagendes Argument. Während er gerade alleine stand, umgeben nur vom sich langsam auflösenden Nebel, padumm, krachte keinen Meter von ihm entfernt etwas auf den Steinboden. Eine schnelle Rekonstruktion des gefallenen Objekts deutete auf einen knapp kopfgroßen Betonbrocken hin, der sich von einem der Balkone gelöst haben musste. Gut, Glück im Unglück, denn diesen Brocken hätten die blonden Locken, auf die ihr Träger Wert legte, nicht wirklich gebremst.

Unglück Nummer Zwei war nicht ganz so dramatisch. Unser Held war mit einer Straßenbahn unterwegs. 1992 war die Fahrt noch nicht kostenlos wie zwei Jahre später, aber die Fahrzeuge waren exakt dieselben, Modell Anno Dunnemal. Und dieses Modell, tja, fing gelegentlich an zu brennen. So, als Monsieur Unglücksrabe mitfuhr. Der zu Hause übrigens Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr war! Leider fehlte ihm in Odessa die Ausrüstung. Pech für Egon.

Aber er war unbeschadet geblieben, bevor ihn Unglück Numero Drei ereilte. Eigentlich: Bevor er rein fiel. Denn er hatte den Odessaer Studierenden im entscheidenden Moment wohl nicht zugehört. Vielleicht weil seine persönliche Betreuerin, die er hatte, zur selben Zeit seine Aufmerksamkeit anderweitig fesselte. Was vorkam, wie er mir selbst erzählte.

Ich hatte bereits ein Jahr früher von gleich zwei Studentinnen eingeschärft bekommen, dass ich niemals auf einen Gullideckel treten dürfe. Niemals! Die seien in Odessa oft nur locker auf zwei Stifte aufgelegt und wenn man mit dem Fuß nicht genau auf die Mitte trete, dann… Man sage, in der Kanalisation gebe es einen Touristen-Treff, dessen Mitglieder da unten zusammen alt geworden seien. Kleiner Scherz. Oder? Vielleicht wollte Bolle ja auch nur einfach nachgucken, als er auf einen Gullideckel trat und – sich gerade noch mit den spontan ausgestreckten Armen abfangen konnte. Ihm tat noch Wochen später das Kreuz weh.

Aller guten Dinge sind drei? Mag sein, aber ungute Dinge treten in größeren Schwärmen auf. Unglück Nummer Vier war immerhin vollständig selbstverschuldet. Wissenschaftliche Neugier, zumal die von angehenden Pharmazie-Studenten, geht in Ordnung. Aber aus reiner Lust an der Freude durch eine Tränengas-Wolke zu wandern, die M.K., von dem noch die Rede sein wird, frisch versprüht hatte. Reizend, wirklich reizend.

So geschädigt brach Bolle zur Elektritschka-Lustreise. Leichte Magenprobleme im Sturmgepäck, unweit der Gummihülsen, wa. Mensch, Bolle.

(Musik: Bolle)

Zurück kam er unverrichteter Liebesdinge. Statt Schampánskoje hatte man ihm Kräutertee aufgetischt. Wie soll ich sagen – meine Schadenfreude war aufrichtig. Schuldig, euer Ehren. Aber ich habe gesühnt. Indem ich den später fiebernd über Lemberg und Prag nach Hause Fahrenden fürsorglich betreute. Ist mir nicht schwer gefallen. Odessa-Regel Nummer Eins: Egal, wie du zu jemand stehst, wenn’s drauf ankommt, wird geholfen. Basta, Bolle. Du Unglücklicher, dessen wahrer Name das Gegenteil bedeutet. Naturwissenschaftler finde ich gut. Jeder sollte sich einen halten.

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