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1995

Episode 18: Veteran der Versöhnung

Ich telefoniere nicht gerne. Auf diesen Verständigungsweg lasse ich mich nur ein, wenn es zwischenzeitlich nicht anders geht. Wie 1995 mit Aleksandr Abrámovitsch Rojsin sichronó li-vracháh.

Schule № 90, Deutsch wird hier als erste Fremdsprache gelehrt.

Ich telefoniere nicht gerne. Auf diesen Verständigungsweg lasse ich mich nur ein, wenn es zwischenzeitlich nicht anders geht. Wie 1995 mit Aleksandr Abrámovitsch Rojsin sichronó li-vracháh.

Sichronó / sichraná li-vracháh, abgekürzt s‘l, wird gemeinhin mit „seligen Angedenkens“ übersetzt. Der hebräische Ausdruck greift aber viel tiefer. „Sich seiner/ihrer erinnern zum Segen“ trifft es besser. Aber das ist zugegebenermaßen umständlich.

Umstände machte es mir schon, mich 1995 mit Odessas zweitem damals noch lebenden jiddischsprachigen Schriftsteller zu treffen. Streng genommen war Aleksandr Abrámovitsch Rojsin der erste von beiden: Älter als Aleksandr Abrámovitsch Bejderman und etwas schneller mit seiner ersten post-sowjetischen Veröffentlichung in jiddischer Sprache. Sein Gedichte-Album „Meine Lieder wie die Tauben“ erschien im selben Verlag, bei Maják Odessa. Den Verlag gibt es nicht mehr, der traditionsreiche Name wird aber via Web weiter genutzt.

Anno ‘95 spielte das World Wide Web in Odessa noch eine sehr geringe Rolle. Meinen stark eingeschränkten Internetzugang bekam ich damals über die Mathematische Fakultät der Metschnikow-Uni. Das Jüdische Kulturzentrum, damals auch Bejt Ulpán genannt, konnte wenigstens seinen nicht regelmäßigen Besuchern nichts dergleichen bieten. Dafür einen Telefonanschluss, der sonst nicht leicht zu haben war. Meine Gastwirte hatten jedenfalls kein Telefon.

Im Bejt Ulpán gab man mir die Gelegenheit, Aleksandr Abrámovitsch Rojsin zu Hause anzurufen. Dieses Telefonat werde ich mein Leben lang nie vergessen und es lief ungefähr so:

„Allo?“
„Guten Tag“ – das Ganze natürlich auf Russisch – „Ich heiße Thorsten Steinhoff und rufe Sie aus dem Jüdischen Kulturzentrum an. Ich beschäftige mich mit Jiddischer Literatur und würde Sie gerne treffen.“
„Mit Vergnügen (s udovólstvijem). Aber Sie werden zu mir nach Hause kommen müssen, weil ich keine Beine mehr habe.“

– Schluck.

„Ich möchte Sie nochmal gerne nach ihrem Namen fragen, junger Mensch. Und woher kommen Sie?“

Ich schluckte nochmal und antwortete auf Russisch: „Ich heiße Thorsten Steinhoff und bin ein Student aus Deutschland.“ – Es folgte ein Schweigen, bei dem ich mit dem Schlimmsten rechnete. Mit spontanem Auflegen, einem Fluch oder Weinkrämpfen, Vergleichbares hatte ich schon erlebt, wenn auch selten und nie ohne versöhnlichen Nachklang. Bei dem immer eine Rolle spielte, dass ich nichts für die Verbrechen meiner Groß- und Urgroßeltern könne. Aleksandr Abrámovitsch Rojsin, seines Namens soll mit Segen gedacht sein, überraschte mich vollkommen. Nach der nur von mir als lang empfundenen Pause seufzte er und sagte dann in lupenreinem, fehler- und akzentfreiem Deutsch: „Endlich, endlich kann ich mich wieder auf Deutsch mit jemandem unterhalten.“ Ich war platt. Was mögen die jungen Leute im kleinen Lesesaal des Bejt Ulpán gedacht haben, die mein Gesicht sahen?

(Musik: Majn tate a kojen)

Wenige Tage später besuchte ich Odessas ältesten jiddischen Gedichte-Schreiber und seine Frau. Das Ehepaar wohnte in einem Plattenbau, etwas außerhalb. Die Wohnung war sehr gepflegt. Und Frau Rojsin, die weitgehend ihrem Mann das Reden überließ, ließ es sich nicht nehmen, mich gastlich zu bewirten. Es gab mit Kartoffeln gefüllte Varéniki.

Ihr Mann, dem in Spätfolge einer Kriegsverletzung kurz zuvor beide Beine amputiert worden waren, erzählte mir von seinem Leben. Seine Mutter hatte bei einer deutschen Familie als Hausmädchen gearbeitet, auch noch nach seiner Geburt. Er sei bei der deutschen Familie als Kind ein- und ausgegangen, so dass er als junger Mann fließend Deutsch und Russisch beherrschte. Im Krieg, in dem ein großer Teil seiner Verwandtschaft von den Deutschen ermordet wurde („Sie können nichts dafür, junger Freund“), wurde er wegen seiner Sprachkenntnisse als Dolmetscher eingesetzt. Bei Verhören. Von einem dieser Verhöre, das er selbst geführt hatte, erzählte er mir genauer. Dafür suchte er ein paar Minuten im Wohnzimmerschrank und holte aus einer Schublade eine Bleistiftzeichnung heraus. Die zeigte ihn als jungen Rotarmisten und – ihm auf einem liegenden Baumstamm gegenüber sitzend – einen etwa gleichaltrigen deutschen Soldaten. Mit wilder Haartolle, nervösem Gesichtsausdruck und abgerissenen Rangabzeichen. „Dieser junge Kerl“ erzählte mir der Veteran in perfektem Deutsch, „er war ein Offizier. Bei der SS. Aber trotzdem ein anständiger Mensch. Ich brauchte lange, um ihn davon zu überzeugen, dass er sich als Offizier zu erkennen geben sollte. Auch wenn er bei dieser Einheit war. Als Offizier werde er besser behandelt.“

Aleksandr Abrámovitsch Rojsin, der kein bekennender Jude war, aber sich in den Neunzigern im Jüdischen Kulturzentrum einbrachte und in Erez Israel heimging, erzählte mir nicht, wie es dem deutschen Gefangenen ergangen war. Vielleicht waren seine Vergehen dem Militär ja doch eine Kugel wert, vielleicht nur einen Strick. Oder Lagerhaft. Mein Gesprächspartner hatte jedenfalls keine Rechnung mehr mit ihm offen. Und ich glaube, dass jetzt beide vor demselben barmherzigen Richter gestanden haben und in Seinem Frieden leben. So wie ich es allen wünsche, die in diesen Tagen in die Ewigkeit gerufen werden, sei es vollkommen unverschuldet oder mit schwerer Gewissenslast. Sichronám li-vracháh!

Und aus aktuellem traurigen Anlass: Sichronóh li-vracháh, Mark Bejgelsimer. Es war mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.

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