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1994

Episode 21: Bis(s) auf die Knochen

Otdáj kostotschku, otdáj! – Knurr.
Was nach einer missglückten Horrorfilm-Synchronisation klingt, ist nur die getreue Wiedergabe einer alltäglichen Szene aus dem Hause K. in Odessa.

Nicht die Originale, nur Darsteller: Katze mit Hunde-Pflegemama Markísa

Otdáj kostotschku, otdáj! – Knurr.
Was nach einer missglückten Horrorfilm-Synchronisation klingt, ist nur die getreue Wiedergabe einer alltäglichen Szene aus dem Hause K. in Odessa.

Unser Haushund, die glorreiche Markísa, beherrschte keine gängigen Kunststücke. Männchen machen, Pfötchen geben? Das war unter ihrer Würde. Auch Hundeadel verpflichtet. Wenn Hund schon Markísa, also Gräfin, heißt.

Madame beherrschte andere Künste. Zum Beispiel: Geflügel verzehren. Mit Karkasse, wohlgemerkt.
Ich erinnere mich, als ich das erste Mal erlebte, dass der älteste Sohn unseres Hauswirts der großen schwarzhaarigen Hündin Reste eines halben Hähnchens vorsetzte.

„Sie wird sterben – oná umrjót!“ sagte ich, nicht ohne Panik in der Stimme.
Ich hatte bis heute nie ein vierbeiniges Haustier. Aber das glaubte ich damals zu wissen: Hühnerknochen zersplittern im Hundmaul und bringen den Wolfscousin qualvoll um. – „Nein, sie wird nicht sterben“ erwiderte Petja. „Markísa weiß, wie sie Hähnchen fressen muss.“

Wahrhaftig, sie wusste es. Sorgsam nagte sie auch das kleinste Stückchen Fleischrest von den spröden feinen Knöchelchen. Mit hochkonzentriertem Blick. Und nur ganz selten hörte man ein feines Knacken.
Wie Markísa mit den dabei entstehenden Splittern umging, wird ihr Geheimnis bleiben. Vielleicht gibt sie das geheime Wissen ja an himmlische Hundebabies weiter. In dieser Welt hatte sie keine eigenen Jungen.

Markísa war kein One-Trick-Po… äh, Dog. Sie hatte mehr drauf. Kernkompetenz Nummer 2 war das Aufziehen und spätere Verwöhnen von Katzen. Früher im Podcast erwähnte ich schon die beiden Kater Seryj und Belyj – das bedeutet Grauer und Weißer. Beide waren von Markísa erzogen worden, verstanden also fließend Hündisch und kamen beinahe täglich vorbei, um sich von Adoptivmama Markísa die Ohren auslecken zu lassen. Den Gesichtsausdruck aller beteiligten Tiere vergesse ich nie, schildern kann ich ihn leider nicht.
Nur so viel: Schwelgen ist zu wenig.

Markísa führte eine virtuose Zunge. Nicht nur Katzenohren schleckte sie genüsslich aus, auch die Zwischenräume zwischen menschlichen Zehen. „Sie liebt das Salz“ meinte ihr menschlicher Alpha-Rüde, unser Hauswirt Valerij. Sie liebte es offensichtlich über alle Maßen, denn irgendwann wurde das Schlecken sehr intensiv, fast schmerzhaft. Aber es wäre der schwarzhaarigen Gräfin niemals eingefallen, jemand von uns wehzutun.

Vor Gewitter hatte sie schreckliche Angst. Meistens zwängte Markísa sich zwischen menschliche Ober- oder Unterschenkel, wenn es draußen donnerte und blitzte. Einmal war ich mit Markísa alleine in der Küche, als ein kurzes aber sehr heftiges Gewitter losging. An der Schwarzmeerküste knallt es gerne gewaltig.

Markísa bellte mich an, was sie noch nie getan hatte. Dann stellte sie sich mit ihren Vorderpfoten auf meine Hüften, bellte nochmal und wollte anscheinend weiter hoch. Ich bekam Angst. Das merkte Markísa. Dieser unglaubliche, wunderbar intelligente Hund. Mit allen vier Pfoten wieder auf dem Boden, guckte sie mich mit schief gelegtem Kopf an und regte sich nicht. Bis ich mich setzte und sie die gewohnte Schutzposition zwischen meinen Beinen einnahm. Heute glaube ich: Sie wollte einfach nur diese Quasi-Schutzhöhle haben. Wie blöd, dass ich Markísa nicht so gut verstand wie Seryj und Belyj.

Wer von Markísa gebissen werden wollte, der musste eine von zwei Handlungen unternehmen: Entweder einen von uns, ihren Schutzbefohlenen, tätig angreifen – ein Betrunkener hätte das einmal fast geschafft – oder, nur für Rüden eine Option, um die attraktive Hundedame von Adel werben. Keine gute Idee, wie ein Dobermann leidvoll erfuhr.

Als Mensch konnte man sich sonst praktisch alles erlauben. Sogar der fressenden Markísa die größten Leckerbissen buchstäblich vor der Nase wegschnappen. Sie guckte einen dann höchstens erstaunt an. In dem sicheren Wissen, dass sie schon noch auf ihre Kosten komme. Wer ein bisschen Action wollte, musste Markísa, idealerweise beim Fressen, zuraunen: „Gib das Knöchelchen her, gib her.“ Auf Russisch: „Otdáj kostotschku, otdáj!“ Ob dabei ein Knöchelchen im Spiel war oder nicht, egal. Aber auf Russisch musste es sein. Odessaer Hundeadel verpflichtet.

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