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2008

Episode 24: Konzert

Ich bitte um Entschuldigung – und zwar wegen der verspäteten Ausgabe! Aber das passiert jedem Künstler einmal. Anno 2008 sogar der Gruppe Bi2.

Haustür von innen Ul. Puschkinskaya 2008
Wann öffnet sich die Tür? Ul. Puschkinskaja 2008

Proschtschú proschtschénija! Ich bitte um Entschuldigung – und zwar wegen der verspäteten Ausgabe! Aber das passiert jedem Künstler einmal. Anno 2008 sogar der Gruppe Bi2.

Mein erster Kontakt zur Rockmusik-Gruppe Bi2, zu Deutsch: Bi Zwei, ereignete sich ungefähr im Jahre 2006. Und zwar online. Nachdem ich die nördliche Schwarzmeer-Küste im Frühherbst 1995 mit dem Zug über Kraków nach Berlin verlassen hatte, entwickelte sich bald eine Sehnsucht nach russischer Sprache und Odessaer Mentalität – in genau dieser Kombination.

Damals war ein russischer Angriffskrieg gegen die ukrainische Derzháva, den unabhängigen Staat Ukraine, unvorstellbar. Natürlich, es gab Begehrlichkeiten. Die Regierung in Kiew, damals noch überwiegend so genannt, heute Kyjiw, hatte lebhaftes Interesse daran, den wichtigsten Handelshafen in Richtung Mittelmeer uneingeschränkt nutzen zu können. Auf der anderen Seite stand, jedenfalls kurz nach dem Ende der Sowjetunion, ein selbstbewusstes Stadtparlament des ursprünglichen Freihafens Odessa. Wo sich russische Sprache als Lingua Franca, multikulturelle Identität und einmaliger Humor in Einklang befanden, wie sonst nirgendwo auf der Welt, auch in keinem der Odessas, die es in den USA nach wie vor gibt.

Tempi passati? Vergangene Zeiten also? – Seit Episode 23 meines Odessa-Poscasts ist viel passiert. In Odessa wie auch – weit weniger dramatisch – bei mir. Die täglichen Nachrichten aus meiner Herzensheimat hätten mich fast erstarren, mein Podcast-Projekt fast enden lassen. Was vermag eine einzelne Stimme gegen diese nicht enden wollende Katastrophe?

Dann sah ich ein Video, das meine Odessa-Lebensgeister wieder aufweckte. Chotschesch?

(Musik: Improvisation über „Chotschesch?“)

Dieses Lied „Chotschesch – Willst du?“, im Original von Zemfíra Talgátovna Ramasánova, kurz: Zemfira, ist nicht unbedingt eines meiner Lieblingslieder. Auch keines von denen aus ihrer Feder, ich habe einen anderen Favoriten. Nämlich „Bljus“. Das summe ich immer vor mich hin, wenn ich auf einer bestimmten Brücke in Berlin Mitte bin. Aber „Chotschesch“ gehörte zur ersten Lieder-Kompilation, die ich um die Jahrtausendwende im noch wenig entwickelten World Wide Web zum kostenpflichtigen (!) Download fand. Dazu gehörten auch diverse Alben von DDT, Korolj i Schut, anderen russischen Künstlern und eben Bi2. Ausschließlich letztere konnte ich live erleben, in Odessa 2008.

Wie das mit Zemfíra zusammenhängt? Damals überhaupt nicht. Als ich nach dreizehnjähriger Pause über die Deribásovskaja schlenderte, sah ich auf einem Plakat, dass ich ein Konzert der Punk-nahen Band Korólj i schut – König und Narr – knapp verpasst hatte. Ich bin allerdings auch kein Punk, bin es nie gewesen. Wenn dann Rock’n’Roller, wie mir ein sachkundiger Freund einmal bescheinigte. Insofern war ich bei Bi2 schon richtig. Laut Plakat stand deren Konzert kurz bevor. Ich ergatterte eine Karte zum Inländerpreis.

Das Konzert fand in der Philharmonie statt. Ja, richtig gehört: In der altehrwürdigen Philharmonie. Da hatte ich viele Jahre zuvor schon die große Zhanna Bitschéwskaja gehört, siehe beziehungsweise höre Episode 14.
Was bei Bi2 ganz anders war als bei der Bardin: Das Publikum wartete eine gefühlte Stunde auf dem Theater-Gang, während Bi2 die Generalprobe durchzog. Das ganze Programm einmal komplett durch. Dann wurden wir rein gelassen. Odessas musikbegeistertes Publikum machte damals klaglos alles mit. Die Künstler wussten, was sie an den Odessiten hatten.

Genau hier rührte mich Zemfíra vor einigen Tagen zu Tränen. Bei einem Mitschnitt ihres Londoner Konzerts vom 3. November 2022 erwähnte sie ihr „geliebtes Odessa“. Ich weiß genau, was sie meinte. Chotschesch, Zemfíra? Ja iméju vvidú doéchatj? Da ja chotschú.

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