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1991

Episode 35: Bonnie

Listig sah meine zugreisende Outlaw-Schwester mich an. Und raunte mir zu: „Wir beide: Bonnie und Clyde“.
Eigentlich sah diese Bonnie gar nicht so gefährlich aus. Aber von Bonnie Elizabeth Parker (1910 – 1934) mochten ihre Opfer das Gleiche gedacht haben.

Auch Gangster sind Menschen mit Träumen. Mich rührt dieses Bild sehr an.
Sie mögen ruhen in Gnade. – Ausschnitt aus einem im Nachlass gefundenen Original-Foto. Urheber unbekannt, aufgenommen zwischen 1924 und 1934.
Library of Congress, Public domain, via Wikimedia Commons

Listig sah meine zugreisende Outlaw-Schwester mich an. Und raunte mir zu: „Wir beide: Bonnie und Clyde“.

Eigentlich sah diese Bonnie gar nicht so gefährlich aus. Aber von Bonnie Elizabeth Parker (1910 – 1934) mochten ihre Opfer das Gleiche gedacht haben.

Anders als Ms. Parker und Mr. Clyde Chestnut Barrow fuhren wir knapp 57 Jahre nach dem brutalen Ende des Gangsterpaars im Auto mit dem Zug. In halbwegs friedlichen Zeiten. Klar, gerade war die Sowjetunion untergegangen. Und unser Betreuer warnte uns eindringlich vor abendlichen Spaziergängen am Strand von Arkádija. „Da fechten Gangs ihre Kämpfe aus“ sagte Dozent Jurij – der wirklich so hieß. Und er sagte noch: „Sie kämpfen mit Pistolen. Da kommt ihr ganz schnell in die Schusslinie.“ – Siehste, doch nach Gangsterbraut-Geschmack.

Meine Kommilitonin und ich hatten keine nächtlichen Spaziergänge unternommen. Irgendwas in dieser Richtung hätte Erika, wie ich sie nennen werde, sich wahrscheinlich sogar gewünscht. Aber ich habe das damals nicht wahrgenommen, Dussel, der ich war.

Hätten wir traute Zweisamkeit am Ufer des Schwarzen Meers gesucht, tagsüber, wenn die kleinen Gangster schlafen, wäre jedenfalls ich gegen unerwünschte Annäherungen gewappnet gewesen. Vor der Abreise hatte man uns Austausch-Studierenden dringend ans Herz gelegt, Pfefferspray einzupacken. Das sei zwar verboten, aber lieber an der Grenze ein paar Dollar Bestechungsgeld zahlen, als zusammengeschlagen und ausgeraubt zu werden. Was in manchen Teilen Odessas noch Mitte der Neunziger nicht selten vorkam, bei In- und Ausländern.

Heute bin ich sicher: Die Schläger, Räketēry oder einfach nur Räket genannt, hätten sich über Pfefferspray halbtot gelacht. Aber während sie lachten, hätte man vielleicht weglaufen können. Wer weiß.

Zum ersten und einzigen Mal in meinem bisherigen Leben ging ich 1991 in ein Waffengeschäft. In der Regensburger Altstadt. Ich schilderte dem jungen Verkäufer mein Anliegen und er verkaufte mir mit der Miene eines Apothekers ein wirksames Präparat. Auf Risiken und Nebenwirkungen ging er von selbst ein, ich musste nicht fragen.

Ich habe diese Gaspatrone nie genutzt. Es kann gut sein, dass sie schon nicht mehr im Reisegepäck war, als wir zurückfuhren. – Aber das konnte der junge Zöllner nicht wissen, der sehr freundlich lächelnd in unser Vierer-Liegeabteil trat.

Er sprach uns zunächst auf Ukrainisch an, Anfang der Neunziger noch ein klares Indiz dafür, dass er aus der Westukraine stammte. In der wir uns am Grenzbahnhof Tschop schließlich auch befanden. Gleichwohl standen unsere Studierenden der Ost-Slavistik auf dem Schlauch. Und wir Russisch lernenden Seiteneinsteiger sowieso.
Der Zöllner blieb freundlich. Weil er offenbar kein Englisch konnte, wechselte er ins Russische. Das verstanden wir. So auch die höfliche Bitte, ihm einmal kurz unsere Reisepässe zu zeigen. Wohlwollend musterte er unsere Passfotos, verglich sie mit den 3D-Vorlagen und gab die Dokumente anstandslos zurück. Bis auf… Tja, Bonnie. Die war aufgeflogen.

[ Musik: Bonnie-Blues – Klavier-Improvisation von Thorsten Steinhoff. Aufnahme: 2024-03-03 in Lüneburg ]

Auch bei mir wurde der Uniformierte misstrauisch. Kunststück, wir saßen nebeneinander auf einer unteren Liege des Schlafwagens sowjetischer Bauart.

Der Ehrlichkeit halber muss ich dazusagen, dass mein Passbild mir zum einen nicht glich und zum anderen furchterregend aussah. – „Wer ist denn das bartlose Monster?“ fragte bei der Hinreise einer unserer deutschen Betreuer. Als wir nach Odessa fuhren, trug ich einen prächtigen Bart und ja, er stand mir wirklich gut. Das Passfoto zeigte den Status Ante, den Vorher-Zustand. Mompfter.

Ich glaube nicht, dass der Zollbeamte Angst vor mir hatte. Wie gesagt, der Bart verbarg mein schiefes Gangstergrinsen, hahaha. Aber Bonnie alias Erika, die so gar nicht monstermäßig aussah, sondern sehr adrett, die musste doch was im Schilde führen. So fragte der junge Mann, höflich aber ohne Ironie: „Haben Sie eine Pistole bei sich?“ – Mit Erikas promptem „Nein“ gab sich der Zöllner nicht auf Dauer zufrieden. Er fragte erst mich etwas Anderes, dann meine Sitznachbarin noch einmal: „Haben Sie eine Pistole bei sich?“ Wir beide und unsere Abteilgenossen wurden unruhig. Was, wenn der Zollbeamte Erika wirklich nicht glaubte und auf die glorreiche Idee kam, unsere Koffer und Reiserucksäcke zu durchsuchen? Alle im Abteil. Nun, Zeit für den Cliffhanger. Bis nächsten Montag! Hahaha.

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